„Wenn wir auf ältere Frauen blicken, sehen wir sie oft nur als ‚Mamie Gâteau‘, als Omi. Wir reduzieren sie auf eine gesellschaftliche Rolle.“
Am Montag, 23.03.2026, stellte Clélia Odette ihr Langzeitprojekt und Fotobuch Belles Mômes (dt.: Schöne Gören) am Institut français vor. Im Gespräch mit Fotohistorikerin Dr. Miriam Zlobinski und Genderwissenschaftlerin Prof. Elahe Haschemi Yekani ging es um Körperbilder, Repräsentation und das politische Potenzial fotografischer Bilder.
Odette berichtete, wie sie als 24 Jährige nach einem tiefgründigen Carsharing-Gespräch auf die Idee zu dem Projekt kam und, wie auch sie sich zunächst von ihrem eigenen, patriarchal geprägten Blick (dem sogenannten male gaze) lösen musste. „Wir alle wachsen mit dieser Prägung auf. Mein Blick auf Frauen hat sich über die letzten vier Jahre radikal verändert.“, sagte die Fotografin. Diese Entwicklung spiegelt sich in ihren Porträts wider: Statt objektivierender Reduktion auf Körperteile oder nackte Haut zeigen die Bilder eine Schönheit, die von innen heraus zu strahlen scheint. Die porträtierten Frauen wirken ganz bei sich selbst: als Persönlichkeiten, Individuen, losgelöst von sozialen Rollen und Normen. Das Gegenteil also auch vom „Mamie Gâteau“-Blick. Viele Frauen dankten Odette später dafür, sich zum ersten Mal ganz neu gesehen zu fühlen.

Für das Projekt porträtierte Clélia Odette 70 Frauen im Alter von über 50. Die Reise führte sie dabei quer durch Europa, sowie nach Brasilien und in den Senegal. In langen Gesprächen gewann sie nicht nur Einblicke in den Umgang mit Altern und gesellschaftlicher Rolle, sondern auch in kulturelle Unterschiede: Im Senegal fühlten sich ältere Frauen oft auf eine ganz besondere Weise unsichtbar: Die vorherrschende Polygamie der Ehemänner führe strukturell dazu, dass ältere Frauen den nachfolgenden Ehefrauen Platz machen müssten und selbst an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. In Rio de Janeiro hingegen traf Odette auf selbstermächtigte, unabhängige Frauen, die sich im Alter eine eigene Gemeinschaft aus Freundinnen aufgebaut hatten und mit ihr ein Leben voller Spaß, Tanz und Freiheit, ganz ohne Männer.
Mit einigen Frauen verbindet Clélia Odette seitdem auch über das Projekt hinaus eine tiefe Freundschaft. „Wir sollten alle mehr intergenerationelle Freundschaften pflegen. Es ist eine Bereicherung für alle!“, betont sie.

Eine Bereicherung ist auf jeden Fall auch ihr entstandenes Fotobuch: Belles Mômes ist eine sozio-politische Notwendigkeit, eine Ode ans Altern und eine Einladung, den Blick auf den weiblichen Körper, vielleicht auch auf den eigenen, neu zu lernen.
Wir danken Clélia Odette für ihre inspirierenden Einblicke, Prof. Elahe Haschemi Yekani für ihre scharfsinnigen Analysen, Dr. Miriam Zlobinski für die klugen Fragen und die gelungene Moderation, dem Institut français für die herzliche Gastfreundschaft und allen Gästen für das zahlreiche Erscheinen und den lebhaften Austausch.


Beitrag von Luisa Voita